Theater Heilbronn

Extrawurst

Theater Heilbronn / Premiere am 04,03.2023

von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Regie Folke Braband

Ausstattung Tom Presting

Dramaturgie Sophie Püschel

Fotos Björn Klein

Die Mitgliederversammlung im Tennisverein ist fast zu Ende. Nur noch der Punkt »Sonstiges« ist abzuarbeiten, eigentlich geht es um eine reine Formsache: Die Anschaffung eines neuen Grills für den Verein. Alles scheint klar zu sein, da platzt Melanie Pfaff mit einer Frage in die Abstimmung: Sollte man nicht einen zweiten Grill für die türkischen Tennisclub-Mitglieder kaufen, weil gläubige Muslime ihr Grillgut nicht auf einen Rost mit Schweinefleisch legen dürfen? Wäre doch eine nette Geste. Nun hat dieser Verein aber nur ein türkisches Mitglied, nämlich Erol Oturan, und der möchte keine »Extrawurst« beziehungsweise keinen Grill für sich. Doch Melanie lässt nicht locker und tritt damit eine Diskussion los, die im Laufe dieser Versammlung aus dem Ruder läuft. In den verzweifelten Versuchen, sich politisch korrekt zu verhalten, begeben sich die Vereinsmitglieder immer mehr auf ein argumentatorisches Minenfeld. Gibt es auch am Grill eine deutsche Leitkultur? Unausweichlich entwickelt sich der Konflikt, bis am Ende jedes Wort, das nur irgendwie falsch verstanden werden kann, auch missverstanden wird. Die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder direkter Teil des Geschehens und stimmen am Ende mit ab: Soll Erol einen Extra-Grill bekommen oder nicht?

»Extrawurst« zeigt eine Tennisvereinssitzung als Spiegel unserer aus den Fugen geratenen Debattengesellschaft. Diese schnelle und hochpointierte Komödie aus dem Jahr 2019 entwickelt sich als Stück der Stunde zum bundesweiten Bühnenhit. Sie greift die Eskalationsmuster der gegenwärtig grassierenden Empörungshysterie auf und enthüllt die Mechanismen, an denen unsere Streitkultur immer wieder scheitert.

Presse

Was dann folgt, ist eine zweistündige Vereinssitzung, die – angefangen beim Bühnenbild mit Mannschaftspokalen, Schlemmer-Büffet und Beamer-Präsentation – so authentisch gestaltet und hervorragend gespielt wird, dass auch der letzte Zuschauer Theaterkluft gegen Tennisoutfit tauscht; imaginär, versteht sich. (…) Wahrlich meisterhaft entwickeln die bekannten vielfach ausgezeichneten Comedy Autoren Dietmar Jakobs und Moritz Netenjakob aus diesem vermeintlich harmlosen Setting ein rasant abgründiges Match mit erstklassigen Pointen, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt, und dass das Vereinsmotto des TC Fortuna Gaffenberg „Bei uns gibt es keinen Krieg, nur Spiel, Satz und Sieg!“ ad absurdum führt.  Aus einem vermeintlich kleinen Thema entwickelt sich eine hitzige bitterböse Grundsatzdebatte. Ludwigsburger Kreiszeitung

Am Samstagabend feierte das von Folke Braband inszenierte temporeiche Fünf-Personen-Stück im ausverkauften Heilbronner Komödienhaus seine umjubelte Premiere. (…) Was als bissig komödiantischer Schlagabtausch um den siebten und letzten Punkt „Sonstiges“ auf der Tagesordnung der Jahreshauptversammlung des Tennisclubs beginnt, entwickelt sich zu einer ausweglosen,  scheiternden Tragödie. (…) Die Trennungslinie zwischen linken und rechten, moralischen und moralischen, toleranten und intoleranten Haltungen verläuft mitunter innerhalb des Dramenpersonals selbst. Während sie wortstark in einem atemberaubend temporeichen Schlagabtausch um die Beibehaltung der sachlichen Ebene ringen, versinken die Figuren mehr und mehr in einem aggressiv-chaotischen, hochemotionalen Sumpf. Hervorzuheben dabei die großartige schauspielerische Leistung aller fünf Beteiligter deren Expressivität und Authentizität beeindruckt. Heilbronner Stimme