Die Maria und der Mohamed

DIE MARIA UND DER MOHAMED

Maria ist eine starke alte Dame, die auf die Neunzig zugeht. Sie war ihr Leben lang selbstbestimmt. Daher redet ihre Tochter Hanna gegen eine Wand, als sie der betagten Mutter klarzumachen versucht, dass sie Hilfe brauche. Hanna, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert und für den traumatisierten Mohamed einsetzt, scheitert bei der eigenen Mutter. Im Alleingang trifft sie eine Entscheidung. Nach einem Spitalsaufenthalt wird Maria von einer Heimpflegerin empfangen. Aber es dauert nicht lange, da verlässt Nancy, die bis jetzt mit jedem Härtefall fertig wurde, heulend das Haus. Maria sucht sich die Menschen eben selbst aus, die sie um sich haben will. Eines Tages bringt Hanna ihren Schützling Mohamed mit. Maria betrachtet den syrischen Flüchtling anfangs skeptisch. Sie spart nicht mit Kritik an der Asylpolitik: Warum kommen all diese Menschen, wenn sie sich hier nicht integrieren wollen? Warum lassen so viele ihre Familien zurück? Maria, die überzeugte Grüne und Friedensaktivistin, deren soziale Haltung Hanna geprägt hat, vertritt plötzlich Ansichten, mit denen rechte Parteien Wahlen gewinnen? Die Tochter versteht die Welt nicht mehr. Umso mehr staunt sie, dass Maria mit dem jungen Syrer das gelingt, was ihr selbst verwehrt blieb. Er hilft im Garten und bei der Pflege, holt den streunenden Kater heim, tanzt, lernt spielend Deutsch und nimmt Marias Angebot, bei ihr einzuziehen, an. Aber so wie Marias Vertrauen zu dem stillen Einzelgänger wächst, so rühren sich bei Hanna erste Zweifel. Mohameds Asylverfahren steht bevor. Hanna empfindet den jungen Mann als immer undurchsichtiger. Sie stößt auf Widersprüche über seine Herkunft. Ein Verdacht regt sich, den sie nicht wegschieben kann: Sympathisiert Mohamed mit terroristischen Gruppen? Kann sie ihn bei der Mutter lassen? Aber Maria hat längst in Mohameds Herz geblickt. Sie erfährt seine wahre Geschichte. Und auch er weiß bald mehr über diese bemerkenswerte Frau als ihre Tochter. Maria und Mohamed, zwei durch ihre Geschichte traumatisierte Menschen werden zu Seelenverwandten… bis zum Schluss. Maria wählt ihren ganz eigenen Weg. In Würde und selbstbestimmt.

Dieses Stück ist nicht nur ein genialer Bühnenstoff, es ist filmreif! Folke Braband trifft den heiklen Punkt einer zwischen rechten und linken Scheuklappen geführten Asyldebatte. Abseits oberflächlicher Abstempelungen zu Gutmensch oder Bösmensch kristallisiert sich eine klare Haltung her-aus, die den Blick auf das Wesentliche, das Einzelschicksal, schärft. Im Mittelpunkt steht eine unbestechliche Frau, deren scharfer Verstand und Herz im Einklang sind. Es geht um Flucht, Trauma, Krankheit und selbstbestimmten Tod. Und das in einer klugen Komödie! Wie geht sich das aus? Die Maria und der Mohamed zeigen es!

3D, 1H, 1Deko

UA 05.09. 2020 Theater Matte, Bern

Rechte – sesslerverlag.at

Das besondere an der Uraufführung der Vierpersonen-Komödie Die Maria und der Mohamed von Folke Braband liegt darin, dass das Ideologische eine vollends unwichtige Bedeutung neben dem Menschlichen einnimmt. Es wird kein soziologisch-politisches Problem diskutiert; es werden Menschen gezeigt, denen der Umgang mit Menschen gelingt, zuerst nur verhalten, dann immer besser. Das Berührende an der subtil gedämpften Komödie ist die feinsinnige Zeichnung der handelnden Personen. Da ist Maria, von Widerwärtigkeiten des Alterns gezeichnet. Sie hätte Hilfe nötig, welche sie vehement abweist, und man spürt, in was für einer tiefen Angst, noch vollends zur Bewegungslosigkeit und zur körperlichen Hilflosigkeit zu verkümmern, ihr Aufbegehren wurzelt. Sie wehrt sich so ruppig wie manchmal sarkastisch gegen alles Gutgemeinte seitens ihrer Schwiegertochter Hanna; sie streckt voller Hohn die Nase in die Luft, wenn die etwas gar von sich selbst eingenommene Spitex-Pflegerin Nancy mit ihren eingeübten Zuwendungs-Phrasen und dem stereotypen «okay» ihr zu nahe tritt. Und da ist der Mohamed. Hanna, engagiert in Flüchtlingsfragen, bringt ihn mit. Er versteht kein Deutsch, wirkt unsicher und benimmt sich auf eine mitleidweckende devote Art. Was soll Maria jetzt mit diesem Fremden, der nicht Deutsch versteht, geschweige denn spricht, diesem Syrer anfangen? Er wäre auch gescheiter in der Heimat geblieben und hätte dort mitgeholfen, sein Land wieder aufzubauen. Überhaupt, was soll man mit diesen Flüchtlingen; es sind Fremde, sie bringen fremde Sprache, fremde Kultur mit und wer weiss was Übles sonst noch… – Natürlich hat Mohamed seine Leidensgeschichte, die man bis zum ein wenig ungewissen Ende des Stücks nach und nach erfährt. Doch auch hier, wie bei Hanna, Nancy und Maria, spielt das Menschliche, mehr oder weniger emotional und immer lebensnah, eine spürbare Rolle. seniorweb.ch

Folke Brabands Tragikomödie «Die Maria und der Mohamed» behandelt Themen wie Vorurteile und Ängste, unterschiedliche Vorstellungen von Integration, Flucht und Traumata. Als Leitgedanke kristallisiert sich in allen Bereichen vor allem der Umgang mit dem Fremden heraus – ob Mensch oder Lebenssituation. Die im Mittelpunkt stehende Menschlichkeit und Herzlichkeit räumen mit verbreiteten Feindbildern auf und regen zum Diskurs einer «zwischen rechten und linken Scheuklappen geführten Asyldebatte» an. Berrnerkulturagenda BKA